Erlebnisbericht von Jürgen Nimptsch

Der Rhein ist mehr als ein Fluss

Tomasee - Quelle des Rheins
Wer am Rhein lebt, so wie ich in Bonn, weiss und fühlt, dass da nicht nur Wasser an uns vorbeifliesst. Anwohner, Touristen, Spaziergänger, Dichter, Komponisten, Ausflügler, Bootsfahrer, Jogger, Radwanderer, Sänger, Verliebte: sie alle wissen, dass dieser Strom jede und jeden von uns auf die eine oder andere Weise berührt. Um ihn ranken sich Sehnsüchte, Mythen und Legenden.
Wandern an der Rheinquelle
Im «Schaufenster», einer Wochenzeitung, die in unserer Stadt kostenlos an alle Haushalte verteilt wird, las ich im Sommer 2017 einen Artikel über die «Rheinquelle», vorgestellt vom Tourismusdirektor der Region Disentis-Sedrun, Hans-Kaspar Schwarzenbach. Seine Aussage: «Es liegt in der Natur des Flusses, dass Anstösser einmal die gesehen haben müssen.» Was genau Schwizer mit «Anstösser» meinen, musste ich nicht. Ich verstand es so, dass alle, denen der Rhein schon einmal einen «Anstoss» gegeben hatte, sich dafür interessieren sollten, woher diese Kraftquelle eigentlich kommt.
Zugfahrt durch die Rheinschlucht
Ich machte mich auf den Weg und beschreibe hier nur die Möglichkeit eines bewegenden Kurzurlaubs von drei Tagen. Anlässe, die Reise länger zu gestalten gibt es in Hülle und Fülle, sei es in Zürich, in Chur, der ältesten Stadt der Schweiz, an der imposanten Rheinschlucht, im Quellgebiet beim Goldwaschen oder bei einer der vielen möglichen Anschlusstouren, zum Beispiel mit dem Bernina-Express der Rhätischen Bahn als UNESCO-Welterbe durch die Gletscherwelt hinunter zum Luganer See.
Rhätische Bahn beim Kloster Disentis
Wer den ersten Flug morgens ab Köln-Bonn nach Zürich nimmt, dort am Flughafen in den Zug nach Sedrun in  Graubünden steigt, kann um 15 Uhr in einem Quartier seiner Wahl einchecken und sich auf den Weg zur Rheinquelle am nächsten Tag einstimmen. Das Wifi-Passwort in meinem Hotel war, was sonst, «rheinquelle». Die Region vermarktet ihr Produkt überall gekonnt, aber unaufdringlich.
Leuchtturm Oberalppass
Am nächsten Morgen um 08.30 Uhr die für den Entdecker der Rheinquelle halbstündige, kostenlose Fahrt mit der Matterhorn Gotthard Bahn zum Oberalppass. Auf dieser Strecke fährt der Zug zusätzlich Zahnräder aus und klettert unaufhörlich nach oben. Der Infostand Rheinquelle am Bahnhof Oberalppass wird von einer kleinen Nachbildung des Leuchtturms vom Hoeck van Holland an der Rheinmündung geziert. Er gilt als symbolische Verbindung von Quelle und Mündung des Flusses. Das Original steht bei Rotterdam, wo der Rhein in die Nordsee fliesst.
Im Tomasee
Zu Beginn der sehr gut markierten Wanderung die Information: "Rheinquelle - 1,5 Stunden". Für mich sollten es zwei werden, denn meine Stärke ist eher die Hochebene als der Aufstieg. Um 11.00 Uhr, gut 24 Stunden nach meiner Abreise, stand ich am als Rheinquelle ausgewiesenen Tomasee und ich war gerührt: von der Natur und dem Wissen, dass all das, was wir bei uns unten mit dem Rhein verbinden, hier oben seinen Ursprung hat. Erst mit den Füßen ins kalte, kristallklare Wasser, nach einigem Zögern auch ganz, mit Badehose. Erst die echte Ganzkörpertaufe sollte mich zum beseelten Rheinländer machen. Wie tief die Persönlichkeitserweiterung dadurch werden kann, veranschaulichen die jahrhundertealten Sagen um die Gestalten aus dem märchenhaften See, wie das Pazolamännchen oder die im Tomasee wohnende Quellnixe Mariuschla. Mit einem Schritt überquerte ich 2345 Meter über dem Meeresspiegel das Bächlein, das bei uns als gewaltiger Strom mehrere hundert Meter breit ist.
Goldwaschen in Disentis
Was mir jetzt nur noch fehlte, war das Rheingold, das der Fluss, wie schon seit Jahrhunderten, auch heute immer noch ins Tal trägt. In Sedrun entdeckte ich nach meiner Rückkehr am Nachmittag ein Geschäft, das "Touren für Goldschürfer" anbietet und auch Ergebnisse dieser Bemühungen verkauft. 
Die Rheinschlucht
Am nächsten Tag wieder mit der Bahn zurück durch die Rheinschlucht. Ihr rätoromanischer Name „Ruinaulta“ ist zusammengesetzt aus den Wörtern Ruina (Geröllhalse/Steinbruch) und „aulta“ (hoch). Viele Millionen Kubikmeter Fels donnerten vor 10 000 Jahren bei einem Bergsturz in die Tiefe. Sie begruben den Vorderrhein unter einer mehreren hundert Meter dicken Gesteinsmasse. Mit der Zeit schnitt sich der Fluss jedoch tief in die Erde ein. Der entstandene See floss ab und die Rheinschlucht entstand, heute ein Naturparadies mit seltener Flora und Fauna und auch ein Ort für Rafting-Erlebnistouren. Mehrere hundert Meter hoch ragen die weißen Steilwände der Rheinschlucht in die Höhe. Hier ist sie greifbar, die Kraft, die diesen Strom größer und größer werden lässt und über 1200 Kilometer bis ins Meer trägt. Ohne den Tomasee und die Ruinaulta keine Rheinromantik, keine Schlösser und Burgen, keine Schiffstouren, keine Rheinländer.
Jürgen Nimptsch
Ich sehe diese Bilder noch heute vor mir, wenn ich zuhause in Bonn auf den Strom blicke. Ich begreife, woher die beruhigende Wirkung kommt, die dieser Strom auf mich ausübt. Und noch mehr als vor meiner Reise verstehe ich, warum ich ihn so gern "Vater Rhein" nenne.   Jürgen Nimptsch, ehm. Oberbürgermeister der Bundesstadt Bonn von 2009 bis 2015